Kompanieprojekt

In Erweiterung der bisherigen Arbeit im Tatwerk bieten wir ab dem Jahr 2010 ein alternatives Ausbildungsprojekt für Bühnenkünstler an. Künstlerischer Leiter ist Samuel Nuñez, der sein Konzept seit vielen Jahren in anspruchsvollen Kursen für Laien wie auch als Weiterbildung für ausgebildete Schauspieler, Tänzer und Musiker anwendet. Sein Ansatz unterscheidet sich in vielen Punkten von der konventionellen Art der Ausbildung von Künstlern, z.B. an Schauspielschulen.

Philosophie
Die Ausbildung in Integralem Theater ist keine, die die Schüler primär auf ein reibungsloses Funktionieren in der Arbeitswelt vorbereiten will. Es geht nicht um die bestmögliche Erfüllung von Anforderungen eines mehr oder weniger feststehenden Systems, nicht um den "Marktwert" des Schauspielers. Es geht um die Transformation von Menschen durch die Kunst.

Wir möchten Künstler ausbilden, die im wahrsten Sinne des Wortes kreativ sind. Die als vollständige Künstler in der Lage sind, aus sich selbst heraus schöpferisch zu arbeiten. Die nicht bloß künstlerischen und ästhetischen Richtlinien folgen und Anweisungen bestmöglich auszuführen gelernt haben, sondern ihren eigenen, authentischen Fingerabdruck in der Welt der Kunst hinterlassen werden. Ein solcher Künstler kann das erdrückende System unserer Vorstellungen, Klischees und Normen aufbrechen - in sich selbst und so auch für andere Menschen, seine Gesellschaft, seine Kultur.

Dies ist nur möglich durch einen so mühsamen wie spannenden Prozess der Selbsterforschung, der zur umfassenden Kenntnis des Instruments eines jeden Künstlers führt, welches seinen Körper, seinen Geist, seine Emotionen - sein ganzes Wesen umfasst. Dieser Ansatz ist vielen Traditionen aus der Geschichte des Theaters verwandt, in denen die Kunst ein Mittel war, um eine echte und lebendige Verbindung zu schaffen zwischen dem Menschen und seinem Geist, seiner Kultur - seinen Mythen und seinen Traditionen.
In einem Prozess der Transformation durch das Theater - durch Hingabe an die Kunst, harte Arbeit und Disziplin - erreicht der Künstler einen Zustand, in dem Tiefe, Wahrhaftigkeit und Präzision zur natürlichen Grundlage seines Schaffens werden.

Ausbildung in der Kompanie
Grundlage ist ein intensives Training in den Bereichen Körper, Geist und Emotion. Zunächst dient dieses dem Lösen von Blockaden körperlicher, mentaler und emotionaler Art und dem Erkennen und Übertreten von Gewohnheiten und (scheinbaren) Grenzen in diesen Bereichen. Gleichzeitig wird eine solide und sehr praktikable "handwerkliche" Basis vermittelt. Es werden verschiedene Installationen und Performances, Szenenstudien und Theaterstücke erarbeitet und auf der Bühne des Tatwerk gezeigt.
Dies geschieht in Form einer Theaterkompanie, von deren Mitgliedern es auch abhängt, ob und wo die einzelnen Stücke nach ihrer Premiere im Tatwerk gezeigt werden.

 
   

Inhalte

Körper, Raum und Kommunikation
+ Intensives Bewegungstraining
+ Übungen zur Erkundung und Erweiterung des Bewegungsrepertoires
+ Akrobatik
+ Bewusstsein des Raums
+ Wahrhaftigkeit im körperlichen Ausdruck
+ Kommunikation mit dem Betrachter
+ Kommunikation der Körper im Raum
+ Dramaturgie des Körpers

Zeitgenössischer Tanz
+ Grundlagen und Prinzipien des zeitgenössischen Tanzes
+ Choreographie und Komposition
+ Improvisation
+ Contact Improvisation
+ Zeitgenössischer Butoh-Dance

Emotion
+ Alba Emoting, Emotionales Gedächtnis, Zustand nach Artaud u.a.
+ Grundemotionen erkennen und erreichen sowie ggf. bestehende Blockaden lösen
+ "Dosierung" und Kombination der Grundemotionen (Erwachsene Emotionen)

Körperbewusstsein und Konzentration
+ Übungen aus Yoga, Aikido, Zen und Butoh
+ Verfeinerung der Wahrnehmungsfähigkeit für Körper, Atmung und Zustände des Geistes
+ Arbeit an Haltung, Muskelkraft, Flexibilität und körperlichen wie geistigen Blockaden

Interpretation und Transformation
+ Schauspiel-Improvisation
+ Systematischer Rollenaufbau
+ Textanalyse und -strukturierung, Subtext, Partituren
+ Charakterisierung durch Körper und Stimme
+ Charakterisierung durch Kostüm und Make-Up oder "ohne alles"
+ Psychologischer und emotionaler Aufbau der Rolle
+ "Menschwerdung" des Gerüstes der Rolle
+ Impuls und physisches Handeln

Angewandte Theater-Theorie und Philosophie
+ Konstantin Stanislavski
+ Antonin Artaud
+ Jerzy Grotowski
+ Eugenio Barba
+ Peter Brook u.a.

Angewandte Ästhetik
+ Installation & Bodyart
+ Beziehung zwischen Zuschauer und Schauspieler
+ Intervention des öffentlichen Raums
+ Gestaltung der Bühne
+ Realismus, Groteske, Expressionismus, Minimalismus u.a.

Stimme & Sprechen
+ Körper-Stimm-Training
+ Resonanz, Projektion
+ Diktion, Artikulation u.a.

Semiologie/Semiotik
+ Zeichensysteme
+ Sprache, Zeichen und Symbol im Theater u.a.

Theater-Anthropologie
+ Traditionen des Theaters anderer Kulturen
+ Körpertraining des Noh-Theaters

Dramaturgie
+ Theorie und Praxis
+ Schreiben und Erzählen
+ Aufbau der dramatischen Linie
+ Struktureller Aufbau eines Stücks

 
   

Organisatorisches

+ Feste wöchentliche Unterrichtszeiten (5 Zeitstunden unter der Woche abends).
+ Achtmal jährlich Samstags-Workshops á 4-5 Std..
+ Zweimal jährlich vertiefende Intensivworkshops am Wochendende (je ca. 12 Std.)
+ Der Arbeitsaufwand außerhalb der Unterrichtszeiten beträgt ca. 12 Wochenstunden.
+ Kostenlose Teilnahme an anderen Tatwerk-Kursen (b. freien Plätzen), auch Yoga (nach individuellem Bedarf).
+ Außerhalb der festen Zeiten ist die Nutzung der Räume des Tatwerk für Proben und individuelles Arbeiten nach ff Absprache kostenlos möglich.

+ Kosten: 200 / 180 € monatlich. Die Ermäßigung ist nur bei sozialen Härtefällen möglich.
+ Gesamtdauer 2 Jahre, Kündigung nach einem Jahr möglich.
+ Max. 12 Teilnehmer, Einstieg einmal jährlich im Mai.

Voraussetzungen für die Teilnahme
Unbedingte Voraussetzungen: Bereitschaft zu intensivster körperlicher, geistiger und emotionaler Arbeit sowie ein hohes Maß an Motivation, Willensstärke und Disziplin, auch im Sinne von Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit.

Die bestmögliche Vorbereitung für die Teilnahme am Kompanieprojekt ist das Absolvieren des Intensivkurses Integrales Theater (Grundkurs). Dies gibt dem Interessenten neben wichtigen Grundkenntnissen einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise im Tatwerk und dem Leiter die Möglichkeit, einzuschätzen, ob ein Einstieg in das Kompanie-Projekt für den Einzelnen möglich und sinnvoll ist. Hierfür ist u.U. auch der Einstieg in einen bereits laufenden Kurs möglich.

Sollte eine Teilnahme am Kurs nicht möglich sein, können Interessenten nach einem persönlichen Gespräch mit dem Ausbildungsleiter eine Woche lang auf Probe an der Ausbildung teilnehmen. Nach Ablauf der Woche wird über die Teilnahme entschieden.